Mit Vollgas in eine neue Welt

Donnerstag, 15. März 2018 14:58

Mit Vollgas ins neue Leben

SIE: «Arschloch!», denke ich. Fährt dieser Depp mit seinem Taxi volle Pulle auf die Ampel zu, obwohl sie schon gelb leuchtet. Dann bremst er scharf. Ich halte den Babysitz fest, atme tief durch und sage streng: «Könnten Sie langsamer fahren, unser Baby ist erst vor vier Tagen zur Welt gekommen!»

Der Taxifahrer schaut stur geradeaus und brummt: «Viel Verkehr, alles Idioten auf der Strasse.» Es interessiert ihn nicht im Geringsten, dass er eine äusserst wertvolle Fracht an Bord hat. Kaum leuchtet es grün, steigt er aufs Gaspedal.

Mein Liebster sitzt neben mir und verdreht die Augen. Unsere kleine Prinzessin schaut staunend aus ihrem Fellsack in diese neue Welt hinaus. Kriegt sie das schon alles mit? Die Geräusche? Die Strassenlampen? Dieses Tempo?

Ich bin ein bisschen wehmütig. Der Abschied vom Geburtshaus fällt mir schwer. Dort haben wir die ersten Tage in aller Ruhe und gut behütet zusammen erlebt. Und jetzt werden wir ausgerechnet von so einem Trottel nach Hause gebracht. Wenn der einen Unfall baut, bringe ich ihn um. Ich halte den Babysitz noch fester und streichle meine kleine Tochter. Bei der nächsten Vollbremsung fauche ich: «Verdammt noch mal, fahren Sie gefälligst langsamer. Sie haben wohl keine Kinder!» Der Typ zischt: «Vier Enkel!»

Ich koche. Und weiss: Die Welt hier draussen ist nicht für Wunder gemacht.

ER: Draussen dröhnt das Taxi rasant über das Kopfsteinpflaster hoch. Unsere erste Begegnung mit der Welt ausserhalb des Geburtshauses war schlecht.

Ich sperre die Wohnungstür auf. In der Diele liegt noch immer die Daunenjacke am Boden, die Schreiber im letzten Moment doch noch anziehen wollte. Die Toilettenspülung unseres Nachbarn von oben, einem Amerikaschweizer, rauscht pünktlich zu unserem Erscheinen. Schreiber tritt in die Stube und setzt sich mit der Kleinen aufs Sofa. «Bringst du mir ein Glas Wasser?», fragt sie.

Ich gehe in die Küche und denke darüber nach, wie zwei ICHs die Wohnung verliessen – nun sind wir wieder da als grosses WIR. Ich schiele ins Bad, wo noch immer der Wecker auf dem Spülkasten des WCs steht, mit dem ich vor fünf Tagen den Wehenrhythmus meiner Liebsten mass, als sie stöhnend in der Badewanne lag. Im Schlafzimmer sind die Laken auf unserem Bett zerwühlt. Auf dem Küchentisch liegen Zettel, auf denen die möglichen Namen für unser Kind stehen: Selma. Pina. Alma.

Ich schiebe die tiefgefrorene Plazenta, die uns die Hebammen mitgegeben haben, ins Gefrierfach unseres alten Kühlschranks und frage mich, was wir um Himmels willen damit anstellen sollen, als Schreiber erneut aus der Stube ruft: «Bringst du nun das Glas Wasser?»

Ach ja, richtig. Ich habe nun auch ganz neue Pflichten.