Schwerelos

Sonntag, 2. Februar 2020 16:43

Der Küchenstuhl wackelte sachte. Sie verlagerte ihr Gewicht. Nach vorne, nach hinten. Jeden Tag spielte sie Leben oder Tod. Ein Schritt aus dem Fenster, und sie wäre ihrem Leben davon gehüpft. Der Tod war so leicht zu haben, viel leichter als die Liebe. Er flog ihr zu, seit es sie gab. Bei der Geburt wickelte er ihr die Nabelschnur um den Hals wie ein Schmuckstück. Gestorben sind damals ihre Mutter und ihre Lebensfreude. Von Anfang an leistete ihr der Tod Gesellschaft. Er summte vom Holunderbaum zu ihr herauf, tanzte auf Brückengeländern, saß auf Bahngeleisen und pfiff ihr hinterher. Sie sah ihn beim Brot schneiden, Haare föhnen, in der Straßenbahn stricken. Am nächsten aber war er ihr in den Bergen. Er schlug Räder für sie auf Felsvorsprüngen, machte Handstand auf Klippen, schwang sich von Hängebrücken. Er war ihr treuer Begleiter. Der einzige Grund, warum sie zögerte, war die Liebe, die ihr fehlte. 

Da kam Karl …

Aus «Sophie hat die Gruppe verlassen», Storys